Die lange Phase der Abhängigkeit

Bezogen auf die durchschnittliche Lebensdauer eines Menschen sind wir ungefähr ein Viertel unseres Lebens von anderen abhängig. Ein Neugeborenes ist noch vollkommen hilflos und davon abhängig, dass es  gefüttert wird , dass die Windeln gewechselt werden und die Eltern Unmutsbekenntnisse, die als Geschrei geäußert werden, richtig deuten.

Foto: Helene Souza / pixelio.de

Wenn der kleine Mensch dann mit fünf bis achtzehn Monaten laufen lernt, kann er neue Welten entdecken, aber er ist weiter abhängig von der Versorgung durch andere. Hier in der westlichen Welt ändert sich der Zustand erst, wenn wir eigenständig im Beruf arbeiten und Geld verdienen, das uns ermöglicht, Verpflegung und Unterkunft selbst zu tragen und zu organisieren. Je nach Dauer und Umfang der schulischen und beruflichen Ausbildungen ist das bei den meisten Menschen mit 18 bis 26 Jahren der Fall.

Eine sehr lange Phase also, in der wir immer wieder dem Gefühl ausgesetzt sind, dass das, was wir bisher sind, nicht für das Leben reicht – schließlich merken wir ja, dass wir von anderen abhängig sind. Eine Erfahrung, die für Gedanken wie »Ich bin klein und hilflos« zumindest zuträglich ist.

Die lange Phase der Abhängigkeit in der menschlichen Entwicklung fördert das Mangeldenken.

In dieser Phase sind wir auch besonders leicht beeinflussbar. Wenn uns ein »Großer« etwas sagt, wird das häufig unreflektiert übernommen. Die unterbewusste kindliche Logik »Ich bin klein und weiß nichts, der andere ist Groß und weiß alles« führt dazu, dass Äußerungen von anderen ohne weiteres Filtern prägend wirken können. Der kleine Mensch hat dabei noch kein ausgeprägtes Selbstbewusstsein, das ihn schützen und dazu anhalten könnte, den Wahrheitsgehalt einer Äußerung zu hinterfragen.

Die Entwicklungsphase führt dazu, dass wir Äußerungen von anderen weniger gefiltert verinnerlichen. Dabei können uns auch negative Aussagen und Werturteile prägen.

Menschen gehen daher häufig mit geringerem Selbstwert durch das Leben, als es angemessen wäre.

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