Fortsetzung: Wie Bewertungen, Prägungen und Annahmen Emotionen erzeugen

Nehmen wir einmal an, Sie sitzen in einem Meeting in Ihrer Firma. Herr Banderas kommt fünf Minuten zu spät, öffnet die Tür auf und sagt laut: »Entschuldigung, mir ist noch etwas dazwischen gekommen.«

Nun gibt es zwei Dinge, über die sich die meisten Menschen aufregen können:

  • Dass Herr Banderas zu spät kommt.
  • Sein Verhalten beim Betreten des Konferenzraums.

Berechtigt finden Sie? Wenn Herr Banderas schon zu spät kommt, dann solle er sich gefälligst ruhig verhalten. So denken die meisten Deutschen. Pünktlichkeit ist ein Wert, der in unserer Kultur sehr hoch angelegt ist. Kein Wunder, er steht in Verbindung mit Werten wie Zuverlässigkeit, Disziplin und Rücksicht. So geht es auch Herrn Müller. Er regt sich über die Unpünktlichkeit seiner Kollegen auf. Damit nicht genug, wenn jemand schon unpünktlich ist, dann soll er gefälligst nicht stören und sich ohne weiteren Aufruhr auf einen freien Platz setzen.

Herrn Müllers Ärger steigert sich sogar noch weiter, wenn seine Erwartungen hinzukommen. Er kennt Herrn Banderas schon eine Weile und weiß, dass dieser eine Neigung dazu hat, eher etwas später zu kommen. Schon bei der Planung des Meetings denkt Herr Müller daran und ärgert sich. Es ist schon so oft vorgekommen und trotz Ermahnungen hat sich nichts geändert. Allein die Vorstellung, dass Herr Banderas wieder zu spät kommt, macht ihn reizbar. Als das Szenario tatsächlich eintritt, platzt Herr Müller fast vor Wut. Für den Fall, dass Herr Banderas sich kritisch in Herrn Müllers Richtung äußern würde, wäre wohl eine konfrontative Situation vorprogrammiert.

Aber lässt es sich auch anders sehen? Stellen wir einmal zwei Dinge gegenüber:

Die neutralen Ereignisse:

Herr Banderas kommt 5 Minuten zu spät. Er entschuldigt sich für jeden hörbar beim Reinkommen.

 

Herrn Müllers Bewertung:

Herr Banderas benimmt sich unmöglich.

 

Sie wissen vielleicht, dass in südeuropäischen Ländern Pünktlichkeit anders gesehen wird. Hier geht man lockerer damit um. Wenn Herr Banderas in einem anderen Kulturkreis aufgewachsen wäre, dann hätte er wohl eine ganz andere Einstellung zu diesem Wert. Hätte man ihm weiter beigebracht, dass eine Entschuldigung im Falle des Zuspätkommens eine Pflicht ist, dann wäre aus seiner Sicht alles in Ordnung (vorausgesetzt, die Verzögerung war wirklich nicht vermeidbar).

Pünktlichkeit hat nicht in jeder Kultur einen hohen Stellenwert - Foto: Tony Hegewald / pixelio.de

Interessant an diesem Fallbeispiel ist, dass beide Beteiligten ihre Wahrnehmung der Situation unterschiedlich darstellen werden. Herr Müller wird sagen: »Herr Banderas benimmt sich unmöglich.«; Herr Banderas stellt es so dar: »Eine Verspätung ließ sich nicht vermeiden. Unter diesen Rahmenbedingungen habe ich mich vorbildlich verhalten.«

Was wir in den meisten Fällen als Wahrnehmung bezeichnen, ist nicht das neutrale Ereignis, sondern unsere Bewertung des Ereignisses. In diese sind viele Faktoren eingeflossen, wie zum Beispiel unsere Werte und Verhaltensgrundsätze, Erwartungen und Annahmen. Es ist tatsächlich im Wortsinne das, was wir für wahr nehmen. Unsere subjektive Wahrheit muss sich dabei nicht mit der Wahrheit eines anderen decken. Dies gilt insbesondere, wenn zwei Personen unterschiedliche Wertesysteme anwenden und differierende Prägungen erfahren haben.

Ob es sich lohnt, sich über unpünktliche Menschen aufzuregen, müssen Sie selbst entscheiden. Ich möchte Ihnen nur eine Wahlmöglichkeit anbieten. Diese bekommen Sie, wenn Sie sich zunächst einmal auf die neutrale Sicht der Ereignisse begeben und sich fragen: »Könnte es irgendjemand anders sehen als ich?«

Wenn Sie sich über das Verhalten anderer Menschen aufregen, versuchen Sie so schnell wie möglich, die Dinge von der neutralen Seite zu sehen. Begeben Sie sich in die Perspektive eines unvoreingenommenen Berichterstatters und fragen Sie »Was sind die objektiven Tatsachen?« Sie werden zu einem besseren Urteilsvermögen kommen und können souveräner mit einem Ereignis umgehen. Sie erzeugen für sich selbst mehr Wahlmöglichkeiten. Fragen Sie sich dann: »Könnte es irgendjemand anders sehen als ich?« Statt einer emotional geprägten und von Ärger getragenen Aktion können Sie auf weisere Alternativen zurückgreifen.

 

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