Unsere Überlebensprogramme

Bei verbalen Aggressionen eines Gesprächspartners erleben wir subjektiv Angst oder sogar Panik. Unser unterbewusstes Steuerungsprogramm schaltet in Stresssituationen auf das Notfallprogramm, das tief in unserem Stammhirn (= Reptiliengehirn) angelegt ist. Dieser Teil des Hirns hat nicht die Aufgabe, sich schlagfertige Antworten zu überlegen, sondern er ist dazu da, uns das Überleben zu sichern. (Da Sie jetzt diesen Blog lesen können, hat Ihr Stammhirn bisher eine sehr gute Arbeit geleistet.)

Mensch und Reptil - www.JenaFoto24.de : pixelio.de

In Stresssituationen kennt unser Überlebensprogramm zwei mögliche Reaktionen: Raufen oder Laufen (englisch: Fight or Flight). Wenn diese Notfall-Programme ablaufen, werden große Mengen von Stresshormonen freigesetzt. Diese Hormone aktivieren zwar körperliche Kräfte, sie blockieren aber auch unsere geistigen Funktionen. Das Hirn ist auf die Überlebensfunktion zurückgefahren. Es regiert das Reptiliengehirn und nicht die Großhirnrinde, die rationales und kreatives Denken ermöglicht.

 

Entweder wir stellen uns dem Kampf oder wir fliehen aus der bedrohlichen Situation. Beide Verhaltensweisen lösen den Stress auf und beruhigen uns wieder, sodass die Hormone Adrenalin und Cortisol abgebaut werden und wir wieder in unseren Normalzustand zurückkommen.

Der Wirtschaftsberater Mario Ohoven kam zu zweifelhaftem Ruhm als er inmitten eines Fernsehinterviews aufstand und mit Blick auf seine Uhr sagte: »Ich muss weg!« und ging. Über Wochen spielte Stefan Raab in seiner Sendung den Ausschnitt ein. In beruflichen Situationen und bei Angriffen im privaten Bereich steht die Option »Laufen« (= Flucht) nicht zur Verfügung. Wir können nicht weglaufen. Wir sind schließlich zivilisierte Menschen und wir setzten uns auch mit unangenehmen Situationen auseinander. Da durch unser Überlebensprogramm unsere geistigen Fähigkeiten herabgesetzt sind, fällt uns gerade in diesen Situationen, in denen wir uns Schlagfertigkeit wünschen, auf den Stressauslöser – die gemeine Bemerkung – keine clevere Antwort ein.

Die Funktion des Großhirns ist in diesem Zustand herabgesetzt. Was bleibt ist die Sprachlosigkeit. Genau diese Funktionsweise Ihres Gehirns ist der Grund, dass Sie auf Vorwürfe eventuell gar nicht reagieren. Die Bemerkung nagt an Ihnen. Sie fressen den Ärger in sich hinein und die Bemerkung des Kollegen wirkt unterbewusst weiter. Später, wenn die Situation längst vorbei ist, stellt sich wieder ein normaler Zustand ein. Dann – irgendwo im Treppenhaus oder im Fahrstuhl – kommt plötzlich ein genialer Einfall, wie Sie hätten reagieren können. Leider zu spät.

Schlagfertigkeit ist etwas, worauf man erst 24 Stunden später kommt.

Mark Twain

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