Die zweite Erkenntnis über Ihren Angreifer

Erkenntnis 2: Vielleicht nur einen schlechten Tag erwischt?

Mit unserem Theater-Ensemble saßen wir in einer Besprechung, unserem berüchtigten »Orga-Meeting«. Diese Art von Besprechungen sind notwendig, aber sehr unbeliebt, weil wir der eigentlichen Tätigkeit unserer Gruppe, dem Theaterspielen, nicht nachgehen können.

Ich machte zu einem bestimmten Besprechungspunkt einen Vorschlag. Eigentlich war es kein Thema, das zu besonders emotionalen Reaktionen führen sollte. Doch heute war es anders. Plötzlich und unerwartet gab es Widerspruch von Kollege Ralf: »Das ist doch totaler Schwachsinn«, rief er aus, »Es wird nie und nimmer funktionieren.«
Ich war überrascht über die Vehemenz seines emotionalen Ausbruchs. Eigentlich verstanden wir beide uns gut, und es gab auch thematisch keinen Grund so heftig zu reagieren. Ich blieb ruhig und diskutierte das Für und Wider mit unserer Gruppe. Trotzdem war mir Ralfs Verhalten ein Rätsel und ein wenig unwohl fühlte ich mich damit auch.
Am nächsten Tag erhielt ich von Ralf eine ausführliche E-Mail, in der er sich für sein Verhalten bei mir entschuldigte. »Es tut mir sehr leid.« hieß es da. »Ich kam gestern direkt vom Zahnarzt, der mich den Tag über behandelt hatte. Trotz der vielen Spritzen hatte ich noch immer starke Schmerzen, nur so kann ich mir mein Verhalten erklären.« Welche Größe von ihm, dass er das so zugeben mochte. Sie können sich sicher vorstellen, wie froh ich war, dass ich seine verbale Aggression nicht mit gleicher Münze heimgezahlt hatte sondern ruhig geblieben war.

 

Kennen Sie das von sich selbst auch?

Wenn es irgendwo körperlich schmerzt, dann fällt es deutlich schwerer, freundlich zu bleiben. Ich hatte mir einmal den Zeh gebrochen. Jeder Schritt war mit Schmerzen verbunden und der Verband um den Zeh selbst ging mir auch auf die Nerven. Kein Schuh passte mehr, den ganzen Tag sollte ich das Bein hochlegen und den Zeh kühlen. In solchen Momenten scheint die Lebensfreude stark reduziert zu sein, manchmal kommt sie sogar komplett abhanden. Auch da erwischte ich mich, dass ich in Gesprächen mit anderen manchmal deutlich genervter reagierte als es angemessen war.

Wenn die schlechte Laune schon da ist, entzündet schon eine widrige Kleinigkeit eine Lunte, die eine Sprengladung zum Explodieren bringt. Dabei müssen es nicht immer Zahnschmerzen sein, die eine solche Reaktion auslösen. Auch Stress mit der Familie, bei der Arbeit, besondere Sorgen und Nöte oder sonstige Widrigkeiten des Lebens führen dazu, dass wir schlechter gelaunt sind als nötig.

Vielleicht haben Sie das auch schon erlebt: Morgens haben Sie sich beim Frühstück bekleckert, Sie mussten die Kleidung wechseln und sind daher verspätet zur Arbeit gekommen. Dort eröffnet Ihnen ein Kollege, dass ein wichtiger Kunde gerade abgesprungen ist und die ganze Firma daher in Schwierigkeiten steckt. In Ihrem Posteingang befinden sich 20 Mails, die alle Probleme ansprechen, um die Sie sich kümmern müssen. Ihr Chef ruft an und setzt Sie unter Druck und in fünf Minuten haben Sie das schwierige Gespräch mit Frau Krause… In dieser Ausgangssituation reicht eine Kleinigkeit und das ohnehin bis zum Rand gefüllte Fass läuft über. Wenn es dann Frau Krause trifft, kann die eigentlich gar nichts dafür.
Wenn es also Ihnen so geht, sollten Sie zumindest in Erwägung ziehen, dass ein aggressiver Gesprächspartner möglicherweise nur einen widrigen Tag erlebt hat.

Bedenken Sie immer, dass Ihr Gesprächspartner einfach einen schlechten Tag haben kann, wenn er sie aggressiv anspricht. Vielleicht bereut er später sogar sein Verhalten. Wenn Sie Ihren Gesprächspartner gut kennen, können Sie Ihre Vermutung auch ansprechen:

»Herr Schreier, ich nehme Sie gerade so aufbrausend wahr, das bin ich von Ihnen gar nicht gewöhnt. Habe ich einen schlechten Tag erwischt?«
»Ich habe das Gefühl, es geht gerade um mehr als nur das Thema, das wir besprechen. Ist alles in Ordnung?«

Diese Ansprache sollten Sie aber mit Bedacht verwenden. Nicht jeder wird seine inneren Beweggründe offen legen wollen. Mein Theater-Kollege Ralf hatte die Größe, sich anschließend für seinen Ausbruch zu entschuldigen. Nicht immer erfahren Sie im Anschluss, dass der verbale Angriff auf ganz anderen Ursachen basiert und gar nichts mit Ihnen zu tun hat. Trotzdem sollten Sie immer mit in Erwägung ziehen, dass Ihr Gesprächspartner im Nachhinein sein Verhalten bedauern könnte. Gut, wenn dann noch nicht das ganze Porzellan zerschlagen ist.

 

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Nur ein schlechter Tag!

Fotografenname: Marco Barnebeck (Telemarco) / www.pixelio.de

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